Stiftsgymnasium Wilhering – Aus Schule und Haus 1929

So sah das Stift Wilhering 1929 aus (Bild von Weeser-Krell 1905)

So sah das Stift Wilhering 1929 aus
(Bild von Weeser-Krell 1905)

Aus Schule und Haus 1929

Ein Chronist berichtet aus dem damaligen Schulleben

Im Jahresbericht 1928/29 berichtet ein Chronist aus dem Studentenleben in Schule und Konvikt. Seine Absicht ist es, die Eltern gleichsam einen Tag im Konvikt und Gymnasium in Wilhering mitmachen zu lassen. 1928/29 gab es eine 1., 3., 5. und 7. Klasse mit insgesamt 102 Schülern. Schule und Internat waren damals im Straßentrakt untergebracht, die jetzigen zwei Schultrakte bestanden noch nicht.

Langsam dämmert’s über den leichten Morgennebeln des Donautales. Kosend grüßen die ersten Sonnenstrahlen das Goldkreuz des stillen Klosters. Schon hat hoch vom Turme die Glocke der hehrsten der Frauen ihr Ave entgegengesungen, schon preisen im weiten Chorrock die Mönche Gott in Hymnen und Psalmen, doch in Ruhe noch dehnt sich das weite Konvikthaus.

Da, ein Druck auf den Taster, es ist kurz nach halb sechs, und hell ruft die Klingel die Studenten aus dem friedlichen Schlaf zu neuem Tagwerk. Hurtig geht es heraus aus den Betten. Strengstes Stillschweigen wohl und dabei welch geschäftig Leben mit einem Male in den drei Schlafsälen, weiten, luftigen Räumen, freundlich hell getüncht. Der einfache Wandschmuck und die sauberen Betten, alle mit einem Kästchen versehen zur Aufnahme der Wäsche, lassen trotz der vielen Schlafstellen keinen kasernmäßigen Eindruck aufkommen.

Sieh, ein paar ganz Flinke sind schon dem Nachthemd entschlüpft, nun in den Waschraum hinaus. In langen Reihen öffnen sich die Leitungshähne, und das Nass strömt, Winter und Sommer quellfrisch, über den Körper. Im Waschraum plätschert auch fast allabendlich das Warmbad, nach Art der Brausebäder eingerichtet, eine Freude und Wohltat für den Zögling, der hier sein Bad nehmen muss. Nach kurzer Zeit ist die Morgentoilette beendet. In zwei langen Reihen stehen nun die Zöglinge, des Zeichens gewärtig zum Gang in die Kapelle.

Die Studentenkapelle, die Stätte, wo das geistliche Leben immer von neuem seine Anregung und Nahrung erhält, lehnt sich an die Nordseite der Stiftskirche. Wer durch das Hauptportal der Klosterkirche eintretend nach links sich wendet, steht bald in dem langgestreckten Raum, dessen Tonnengewölbe einfache Ornamentmalerei ziert. Rohe Fenster spenden sanftes Licht. Ein stilvoller Kreuzaltar mahnt zu ernster Andacht, Grabsteine aus rotem Marmor an den Wänden, Boten aus längst verklungenen Tagen, rufen stumm und doch beredt auch in die junge Studentenbrust das Wort vom Tag, an dem niemand mehr wirken kann. Hier in der Kapelle empfiehlt sich nach kurzem Morgengebete jeder mit stillem Beten oder frommem Lied, getragen von Orgelklang, seinem Gott bei der heiligen Messe.

Ist die Morgenfeier beendet, kehren die Zöglinge über den Stiftshof zum Konviktsgebäude zurück und suchen den Speisesaal auf, wo das Frühstück aller wartet. Vier mächtige Fenster, aus deren Nischen Blumen grüßen, lassen das Licht ein am Tage, in den Abendstunden verscheuchen neuzeitliche Luzetten das Dunkel.

In Tischgenossenschaften zu achten sitzen die Studierenden an den weißgedeckten Tafeln. Erst nachdem die Eingetretenen zur Ruhe gekommen, haben sie sich nach dem Tischgebet auf das Zeichen des Präfekten zur Mahlzeit niedergelassen, bei der die nötige Bedienung durch Zöglinge erfolgt. Wohl ist Sprechen während des Tisches gestattet, doch aller unnützer Lärm, alles Umhergehen verboten. Wir befinden uns ja in keinem Hotelrestaurant, wo jeder, unbekümmert um seinen Nachbarn, nur an sich selber denkt, und nur genaue Ordnung kann das gemeinsame Speisen so vieler ästhetisch erträglich machen. Ein Glockenzeichen, die Mahlzeit ist beendet, ein kurzes Dankgebet, die Jungen verlassen den Speiseraum und begeben sich in vollster Ruhe und Ordnung in die Studiersäle.

Da sitzt ein jeder an seinem Pult, das seine Bücher und liebwerten Kleinigkeiten birgt, und arbeitet für die Schule. Drei bis vier Stunden des Tages werden so dem eigentlichen Studium gewidmet, das vom Verbindungszimmer der Studiersäle aus vom jeweiligen Präfekten überwacht wird.

Schon geht der Zeiger der Uhr gegen acht, es ist Zeit, die Schule aufzusuchen. Wieder die alte Reihenordnung, und über die breiten Stiegen bewegt sich die Schülerschaft hinauf in den zweiten Stock, in die Klassenzimmer. Durch ihre nach Süden hin sich öffnenden Fenster empfangen die netten Räume stets direktes Sonnenlicht, in hygienischer Hinsicht eine überaus wertvolle Eigenschaft, in nur ganz seltenen Fällen muss zur Kunstbeleuchtung der elektrischen Glühbirne gegriffen werden. Jedes Klassenzimmer ist hinlänglich groß – selbst in den stärkst besuchten Klassen kommt auf jeden Schüler durchschnittlich 7 Kubikmeter Luftraum – stets im reinsten, möglichst staubfreien Zustand. Zu zweien in einer Bank, in zwar bequemer, aber streng aufrechter und gerader Sitzhaltung wohnen die Schüler an allen Wochentagen dem Unterrichte bei, der nach den Lehrplänen des Gymnasiums erteilt wird.

Die fünf Stunden des Vormittagsunterrichtes gehören den Haupt- oder obligaten Gegenständen. Freifächer werden an einzelnen Nachmittagen gelehrt. Diese Art des ungeteilten Unterrichtes hat sich rasch eingelebt und bislang sehr gut bewährt, umso mehr, als mit dem Freisein der meisten Nachmittage Zeit und Platz gewonnen wird für die Bestrebungen moderner Art, die mehr auf das körperliche Wohl des Schülers und seine Ertüchtigung in dieser Hinsicht bedacht sind. Zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden schieben sich die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen ein, die auch benützt werden zur nötigen Lüftung der Lehrräume und die die Schüler immer außerhalb der Klassenzimmer, entweder in dem breiten vorgelagerten Gang oder bei gutem Wetter im Hofe der Anstalt verbringen.

Die Schulglocke verkündet gerade das Ende einer Erholungszeit. In Ordnung kehren die Schüler in die Lehrzimmer zurück, in Ruhe harrend auf den jeweiligen Lehrer. Eine Klasse bleibt zurück, sie hat Turnstunde. Hinunter geht’s in den Turnsaal, der sich an der Südwestecke des Anstaltsgebäudes als eigener Anbau erhebt. Nur mit schwarzer kurzer Hose und leichtem Leibchen angetan und barfuß nehmen die Turner im Saale Aufstellung. Durch sechs weite Fenster flutet das Licht in den hohen Raum, an einer quer durchgezogenen Traverse hängen Reck und Ringe, die anderen üblichen Geräte des Schulturnens verteilen sich an den Wänden herum.

Doch heut, wo die Sonne so lockt, im Saal bleiben? Nein! Hinaus ins Freie, auf den Rasenflächen des Stiftshofes, da wollen wir uns, wenn auch in strengeren Bahnen, tummeln nach Herzenslust. Von jeher hat unsere Anstalt, huldigend dem alten Grundsatz „mens sana in corpore sano“, der körperlichen Erziehung der ihr Anvertrauten die größte Aufmerksamkeit zugewendet.

Dass im Falle von Erkrankungen, die ja nie ganz vermieden werden können, auf das beste vorgesorgt ist, bedarf eigentlich keiner näheren Betonung. Zwei eigens isoliert gelegene Krankenzimmer sind für alle Fälle bereit. In modernster Weise eingerichtet, mit laufendem Wasser und Wannenbad versehen, können sie auch die trüben Stunden des Liegenmüssens erträglicher machen.

Die Zeit des Vormittagsunterrichtes ist vorüber. Nach fünf Stunden angestrengter geistiger Arbeit verlangt der Körper, wenn er auch inzwischen eine kleine Stärkung empfangen, seine Rechte. Freudig folgt alles dem Rufe der Mittagsglocke. Hat man droben in der Schule neue Nahrung dem Geiste zugeführt, war man indessen im Erdgeschoß, unten in der Konviktsküche, nicht müßig gewesen, für das leibliche Wohl Sorge zu treffen.

Nach eingenommenem Hauptessen winkt dem Schüler die erste größere Freizeit des Tages. Er verbringt sie, wenn sonst Wetter und Jahreszeit es erlauben, im Stiftshof. Da sammeln sich die einen zu selbstgewähltem Spiel, zu Faustball, Schlagball und dergleichen, größere Schüler tummeln sich auf der Kegelbahn oder suchen das Rekreationszimmer im ersten Stock auf. Mancher auch wählt sich ein stilles Plätzchen, um mit einem Lieblingsbuch allein zu sein, andere wandern zu zweit oder mehreren unter allerhand Gesprächen im Hofe umher. Auch dann, wenn diese Freizeit in den Studierräumen verbracht werden muss, verfließt unter Lektüre, verschiedenen Zimmerspielen, bei manchen auch unter eigentlichem Nichtstun gar rasch die zur Erholung angesetzte Stunde. Jetzt gilt es wieder, sich zu den Büchern zu setzen. Die Schule hat für die kommenden Tage neue Aufgaben und Forderungen gestellt, die befriedigt werden müssen, oder hat hie und da eine Lücke entdeckt und dringt streng auf deren Füllung.

Die auf dieses Mittagsstudium folgende Zeit, etwa zwei Stunden, an einzelnen Tagen auch mehr, werden zu ausgiebiger Stärkung des Körpers verwendet. Man durchwandert, nach Klassen in Gruppen geteilt, die nähere und fernere Umgebung der Anstalt, streift über Felder und Wiesen, durch die Hügel und Täler des nahen, prächtigen Hochwalds. Mit der aufgehenden warmen Jahreszeit wird mit Vorliebe die Spielwiese aufgesucht. Wenige Anstalten nur wird es geben, denen ein so herrlicher Spielplatz, abseits des Staubes und Lärmes der Landstraße, umrahmt von grünenden Hügeln, eigen ist.

Wird es für die Spiele zu heiß, so bildet den Hauptanziehungspunkt für die Schüler das Freibad, die Schwimmschule. Mit großen Kosten hat diese die Anstalt seinerzeit erbauen lassen und sie immer aufs neue erhalten und zweckmäßig ausgestaltet. Für gründlichen Schwimmunterricht, der fast alle Zöglinge zu Freischwimmern macht, ist selbstverständlich gesorgt.

Der Winter bringt natürlich die ihm eigene Erholungsart. Da stehen für den Schlittschuhlauf und das gerade in unseren Gegenden so beliebte Eisschießen breite Teiche zur Verfügung. Bei größerem Schneefall ist es freilich eine Mühe, die Bahnen gut zu erhalten. Doch Lehrer und Schüler, sie schaufeln und fegen, und nach getaner Arbeit wiegen sie sich mit umso hellerer Freude und Befriedigung in weichen kunstvollen Bogen auf der glitzernden Fläche. Wer ein anderes Wintervergnügen will, schultert seine Rodel und hinan den Berg. In sausender Fahrt kann er die an die zwei Kilometer lange Waldbahn durchmessen, wenn nicht die eine oder andere schlecht angefahrene Kurve ihn im weichen Schnee einen Purzelbaum schlagen heißt. Auch der Skifahrer unter den Schülern kommt in guten Wintern auf seine Rechnung, für kleine Abfahrten und einfache Schwünge ist gut geeignetes Gelände vorhanden, selbst ein kleiner Sprunghügel fehlt nicht.

Hat sich der Körper genügend erholt, heißt’s wieder heimzu wandern. Luft macht Hunger, der Magen ruft und ein Studentenmagen ruft zweimal so laut. Wie schmeckt die Jause, und gibt’s auch einmal nur Milchkaffee und Schwarzbrot. Bald ruft die Glocke wieder zum Ernst des Lebens; denn nicht für Frohsinn allein und Körperstählung sind wir da, Wissen und Geistesbildung muss unser Hauptziel bleiben; so sei denn das Abendstudium jetzt mit allem Eifer ausgenützt.

Schon geht der Tag seinem Ende zu, noch die Abendmahlzeit und nach etwa halbstündigem Sich-gehen-Lassen kurzes Rekapitulieren des Gelernten. Dann falten sich die Hände zum Dank an Gott, der uns den Tag geschenkt. Allgemeine Abendtoilette, und kaum geahnt, liegt alles in tiefster Nachtruhe, träumend von den Lieben in der Heimat, von Leid und Lust, wie es eben ein junges Studentenherz bewegt, bis der Vater über den Sternen uns alle wieder weckt.

cb